Von der Spaziergang-Idee zur WHO-Empfehlung: Meilensteine der EMDR-Geschichte
Wie aus einer zufälligen Beobachtung eine weltweit anerkannte Traumatherapie wurde: die wichtigsten Stationen der EMDR-Geschichte im Überblick.
EMDR ist eine vergleichsweise junge Methode. In weniger als vier Jahrzehnten hat sie den Weg von einer ungewöhnlichen Beobachtung zu einem leitlinienempfohlenen Verfahren zurückgelegt, das weltweit in Praxen, Kliniken und Krisengebieten angewendet wird. Ein Blick auf die wichtigsten Etappen zeigt, wie Forschung, Kritik und Praxis die Methode geprägt haben.
1987: Die Beobachtung
Die Psychologin Francine Shapiro bemerkt nach eigener Schilderung bei einem Spaziergang in einem Park, dass belastende Gedanken an Intensität verlieren, während ihre Augen sich schnell hin und her bewegen. Sie probiert den Effekt bei Bekannten und Kolleginnen aus und stellt fest, dass die meisten Menschen die Augenbewegungen nicht von allein lange genug aufrechterhalten können. Deshalb beginnt sie, die Bewegungen mit der Hand anzuleiten – die Grundform der heutigen Methode entsteht.
1989: Die erste Studie
Im Journal of Traumatic Stress erscheint Shapiros erste kontrollierte Studie zu der Methode, die sie zunächst „EMD“ (Eye Movement Desensitization) nennt. Untersucht werden Menschen mit traumatischen Erinnerungen, unter anderem nach sexueller Gewalt und Kriegserlebnissen. Die Ergebnisse sind vielversprechend, die Studie wird aber auch kritisiert, etwa wegen der kleinen Stichprobe.
1990–1991: Aus EMD wird EMDR
Shapiro ergänzt das „R“ für Reprocessing. Sie betont damit, dass es nicht nur um die Verringerung von Angst geht, sondern um eine Neuverarbeitung der Erinnerung, bei der sich auch Gedanken über sich selbst verändern. Gleichzeitig formuliert sie das Modell der adaptiven Informationsverarbeitung (AIP-Modell) als theoretische Grundlage.
1990er: Ausbreitung, Ausbildung und Fachgesellschaften
EMDR verbreitet sich rasch international. Es entstehen standardisierte Ausbildungsstrukturen, damit die Methode nach einheitlichen Kriterien gelehrt wird. Fachgesellschaften werden gegründet, darunter die EMDR International Association in den USA und Ende des Jahrzehnts der europäische Dachverband EMDR Europe. In dieser Zeit entstehen auch die ersten humanitären Programme, die Fachleute in Krisen- und Katastrophengebieten ausbilden. Shapiros Lehrbuch erscheint 1995 erstmals und wird zum Standardwerk.
1990er und 2000er: Kritik und Forschung
Die rasche Verbreitung ruft Kritik hervor. Fachleute bemängeln unter anderem, dass die Wirksamkeit zunächst nicht ausreichend belegt sei und dass unklar bleibe, ob die Augenbewegungen überhaupt nötig sind. Diese Debatte treibt die Forschung voran: Zahlreiche kontrollierte Studien und Metaanalysen werden durchgeführt, die EMDR bei PTBS als wirksam bestätigen. Die Frage nach dem Wirkmechanismus bleibt dagegen lange offen und wird heute vor allem im Rahmen der Arbeitsgedächtnis-Hypothese untersucht.
2013: Empfehlung der WHO
Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht ihre Leitlinien zur Behandlung stressbezogener Erkrankungen und empfiehlt EMDR neben der traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie für Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit PTBS. Für die internationale Anerkennung der Methode ist das ein entscheidender Schritt.
2014: Anerkennung in Deutschland
Der Gemeinsame Bundesausschuss erkennt EMDR als Methode zur Behandlung der PTBS bei Erwachsenen im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinie an. Damit kann EMDR über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden, wenn Psychotherapeutinnen eine entsprechende Qualifikation nachweisen. Mehr dazu: EMDR: Kosten und Krankenkasse.
2018–2019: Neue internationale Leitlinien
Sowohl die britische NICE-Leitlinie als auch die Behandlungsempfehlungen der International Society for Traumatic Stress Studies bestätigen EMDR als wirksame Behandlung der PTBS bei Erwachsenen. Eine Übersicht bietet unser Artikel Wie gut wirkt EMDR?.
2019: Tod von Francine Shapiro
Im Juni 2019 stirbt Francine Shapiro. Ihr Werk wird von einer weltweiten Gemeinschaft aus Forschenden, Ausbilderinnen und Therapeutinnen fortgeführt, die das Verfahren weiterentwickelt und für neue Anwendungsfelder erschließt.
2020 bis heute: Online, Intensivformate und neue Anwendungen
Die Corona-Pandemie beschleunigt die Entwicklung von Online-EMDR, bei dem die bilaterale Stimulation über den Bildschirm erfolgt. Daneben werden intensive Behandlungsformate erprobt, bei denen mehrere Sitzungen in wenigen Tagen stattfinden, sowie Gruppenprotokolle für Menschen nach Katastrophen. Neue Techniken wie die Flash-Technik ergänzen das Repertoire für die Vorbereitung. Aktuelle Forschungsthemen sind außerdem die Anwendung bei Psychosen, chronischen Schmerzen und Depressionen. Über neue Entwicklungen berichten wir laufend in dieser Rubrik.
Quellen & weiterführende Literatur
- Shapiro, F. (1989): Efficacy of the eye movement desensitization procedure in the treatment of traumatic memories. Journal of Traumatic Stress, 2(2), 199–223
- Shapiro, F. (2018): Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy. Basic Principles, Protocols, and Procedures. 3rd ed. New York: Guilford Press
- World Health Organization (2013): Guidelines for the management of conditions specifically related to stress
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