8. Oktober 2026 Unabhängiges Wissen zu EMDR und Traumafolgen
EMDR & Trauma Ratgeber
Für Fachleute

EMDR-Akademie: Der Praxis-Guide – wie EMDR funktioniert, Schritt für Schritt

Unsere EMDR-Akademie für Einsteigerinnen und Interessierte: Wie EMDR in der Praxis funktioniert, welche Hilfsmittel man braucht, worauf es in jeder Phase ankommt – und warum das alles keine Ausbildung ersetzt.

Wer sich für EMDR interessiert, stößt schnell auf viele Theoriebeiträge – aber selten auf eine verständliche Antwort auf die praktische Frage: Wie läuft das eigentlich konkret ab? Was passiert im Therapieraum, welche Ausstattung braucht man, und worauf achten erfahrene EMDR-Therapeutinnen in jeder Phase? Diese EMDR-Akademie führt dich Schritt für Schritt durch die Praxis – von der Vorbereitung des Raums bis zur Dokumentation nach der Sitzung.

Lektion 1: Das Grundprinzip in drei Sätzen

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) geht davon aus, dass belastende Erlebnisse manchmal nicht wie gewöhnliche Erinnerungen verarbeitet werden, sondern mit ihren ursprünglichen Bildern, Gefühlen und Körperempfindungen „eingefroren“ bleiben (AIP-Modell). In der Behandlung wird eine solche Erinnerung gezielt aktiviert, während gleichzeitig eine bilaterale Stimulation stattfindet – meist geführte Augenbewegungen. Dadurch verliert die Erinnerung typischerweise an Intensität und kann neu eingeordnet werden. Die Grundlagen erklärt ausführlich unser Artikel Was ist EMDR?.

Lektion 2: Setting und Hilfsmittel

Der Raum

  • Ruhig und ungestört: Telefon stumm, Schild an der Tür, keine Unterbrechungen während der Verarbeitung.
  • Sitzposition: Therapeutin und Klientin sitzen sich leicht versetzt gegenüber („Schiff, das aneinander vorbeifährt“), sodass die Hand der Therapeutin bequem im Blickfeld der Klientin hin- und hergeführt werden kann, ohne dass sich die Knie berühren.
  • Abstand: so, dass die Bewegungen weit genug sind, um die Augen von Rand zu Rand zu führen, aber nicht als bedrängend erlebt werden. Den angenehmen Abstand vorher gemeinsam testen.
  • Griffbereit: Wasser, Taschentücher, ein Gegenstand zum Erden.

Die Hilfsmittel im Überblick

HilfsmittelWofürHinweise
Hand / Finger der TherapeutinVisuelle Stimulation (Augenbewegungen)Klassische Methode, kostenlos, auf Dauer anstrengend für Arm und Schulter
LichtleisteVisuelle Stimulation per wanderndem LichtpunktGleichmäßiges Tempo, entlastet die Therapeutin; nur in Präsenz
Tapper / PulsatorenTaktile Stimulation (abwechselnde Vibration in den Händen)Gut bei Augenproblemen oder wenn Augen geschlossen bleiben sollen
Kopfhörer mit WechseltönenAuditive StimulationOft mit Tappern kombiniert
EMDR-SoftwareVisuelle, auditive, teils taktile Stimulation am Bildschirm; teils mit Video und DokumentationFür Präsenz und Remote nutzbar; auf DSGVO und AVV achten – siehe EMDR-Software im Vergleich
Skalen und ProtokollbogenSUD (0–10), VOC (1–7), Erfassung der ZielerinnerungPapier oder digital; wichtig für Verlauf und Dokumentation
Liste typischer KognitionenHilft Klientinnen, negative und positive Überzeugungen zu formulierenNach Themen sortiert: Verantwortung, Sicherheit, Kontrolle, Selbstwert

Für den Anfang reicht die eigene Hand. Viele Praxen ergänzen später Tapper oder Software – spätestens, wenn auch online gearbeitet werden soll.

Lektion 3: Die Fallkonzeption – bevor die Augen sich bewegen

Der häufigste Fehler von Einsteigerinnen ist, zu schnell zur Verarbeitung überzugehen. Erfahrene EMDR-Therapeutinnen investieren viel Zeit in Phase 1 und 2. Dabei klären sie:

  • Diagnostik: Liegt eine PTBS, eine komplexe PTBS oder eine andere Störung vor? Wie ausgeprägt sind dissoziative Symptome?
  • Stabilität: Gibt es akute Suizidalität, Selbstverletzung, Substanzkonsum, eine andauernde Bedrohung? Welche Ressourcen und welches Unterstützungsnetz sind vorhanden?
  • Körperliche Faktoren: Augenerkrankungen, Epilepsie, Herz-Kreislauf-Probleme, Schwangerschaft?
  • Zielerinnerungen: Welche Erlebnisse hängen mit den heutigen Beschwerden zusammen? Gemeinsam wird eine Liste erstellt – oft mit der frühesten, der schlimmsten und der jüngsten belastenden Erinnerung zu einem Thema.
  • Aktuelle Auslöser und Zukunftsziele: Was löst heute Belastung aus? Was soll künftig anders sein?

Mehr zu Risiken und Gegenanzeigen: Nebenwirkungen und Risiken von EMDR.

Lektion 4: Vorbereitung und Stabilisierung

In Phase 2 lernt die Klientin die Methode kennen und erwirbt Werkzeuge, um sich zu beruhigen. Typische Bausteine:

  1. Psychoedukation: verständlich erklären, was EMDR ist, was passieren kann (z. B. aufkommende Gefühle, Erinnerungen, Träume) und dass die Klientin jederzeit die Kontrolle behält.
  2. Stoppsignal vereinbaren: etwa eine erhobene Hand. Das Signal wird jederzeit respektiert.
  3. Metapher für Abstand: Viele Therapeutinnen bieten Bilder an wie „aus dem Zugfenster die Landschaft vorbeiziehen sehen“ – man nimmt wahr, ohne festzuhalten.
  4. Stimulation testen: Tempo, Richtung, Abstand und Modalität ausprobieren, bis es sich für die Klientin angenehm anfühlt.
  5. Ressourcen aufbauen: sicherer Ort, Tresorübung, Ressourceninstallation mit kurzen, langsamen Sets. Anleitungen: Stabilisierung im Alltag.

Die Klientin sollte die Selbstberuhigung zuverlässig beherrschen, bevor eine belastende Erinnerung bearbeitet wird.

Lektion 5: Die Zielerinnerung erfassen (Phase 3)

Jetzt wird eine Erinnerung aus der Zielliste ausgewählt und in ihren Bestandteilen erfasst. Die Reihenfolge ist im Standardprotokoll festgelegt:

  1. Bild: Welches Bild steht für den schlimmsten Moment?
  2. Negative Kognition: Welcher Gedanke über sich selbst gehört heute dazu? In Ich-Form, im Präsens, verallgemeinernd – z. B. „Ich bin hilflos.“
  3. Positive Kognition: Was möchte die Klientin stattdessen glauben? Realistisch und in Ich-Form – z. B. „Ich habe jetzt Möglichkeiten.“
  4. VOC: Wie wahr fühlt sich die positive Kognition gerade an? (1 = völlig falsch, 7 = völlig wahr)
  5. Gefühl: Welche Emotion taucht auf, wenn Bild und negativer Gedanke zusammenkommen?
  6. SUD: Wie belastend ist das jetzt? (0 = gar nicht, 10 = maximal)
  7. Körperempfindung: Wo im Körper ist die Belastung spürbar?

Praxistipp: Kognitionen sind für viele Klientinnen schwer zu formulieren. Eine nach Themen sortierte Liste hilft. Achte darauf, dass die negative Kognition eine Überzeugung über die eigene Person ist („Ich bin …“), keine Beschreibung der Situation („Es war schrecklich“).

Lektion 6: Die Verarbeitung (Phase 4)

Der Ablauf eines Sets

  1. Die Klientin ruft Bild, negative Kognition und Körperempfindung auf.
  2. Die bilaterale Stimulation beginnt – in der Regel etwa 20 bis 40 Sekunden, bei Augenbewegungen so schnell, wie es für die Klientin angenehm ist.
  3. Nach dem Set: „Atmen Sie einmal tief durch. Was nehmen Sie jetzt wahr?“
  4. Die Klientin berichtet kurz – ein Bild, ein Gedanke, ein Gefühl, eine Körperempfindung.
  5. Die Therapeutin sagt meist nur „Bleiben Sie dabei“ oder „Gehen Sie damit weiter“ und startet das nächste Set.

Die goldene Regel: Weniger ist mehr

Zwischen den Sets wird nicht analysiert, gedeutet oder ausführlich nachgefragt. Die Verarbeitung soll frei laufen. Die Aufgabe der Therapeutin ist, den Prozess zu begleiten, zu beobachten und nur einzugreifen, wenn nötig.

Wann eingegriffen wird

  • Die Verarbeitung dreht sich im Kreis: Mehrere Sets ohne Veränderung? Dann Tempo, Richtung oder Modalität wechseln, die Aufmerksamkeit auf einen Teilaspekt lenken oder eine kognitive Einwebung anbieten – eine kurze Frage, die eine neue Perspektive öffnet.
  • Sehr starke Gefühle: Solange die Klientin im Kontakt mit der Gegenwart bleibt, ermutigend begleiten („Sie sind hier, das ist nur eine Erinnerung, gehen Sie weiter“). Die Intensität steigt oft und flacht dann ab.
  • Dissoziation: Wirkt die Klientin abwesend, reagiert verzögert oder berichtet von Unwirklichkeit, die Verarbeitung unterbrechen und erden. Mehr dazu: Dissoziation verstehen.
  • Stoppsignal: sofort anhalten.

Rückkehr zur Zielerinnerung

Wenn die Assoziationen neutral oder positiv werden, kehrt die Therapeutin zur Ausgangserinnerung zurück: „Wenn Sie jetzt an die ursprüngliche Erinnerung denken – was nehmen Sie wahr?“ Dann wird der SUD-Wert erhoben. Die Desensibilisierung gilt als abgeschlossen, wenn der SUD bei 0 liegt (oder ökologisch stimmig bei 1).

Lektion 7: Verankerung, Körpertest und Abschluss (Phasen 5–7)

  • Verankerung: Prüfen, ob die positive Kognition noch passt. Dann Erinnerung und positiver Satz zusammen halten, weitere Sets, bis der VOC bei 6 oder 7 liegt.
  • Körpertest: Mit geschlossenen Augen die Erinnerung und den positiven Satz halten und den Körper von Kopf bis Fuß durchgehen. Verbliebene Empfindungen mit weiteren Sets bearbeiten.
  • Abschluss: Jede Sitzung wird stabil beendet – auch wenn die Verarbeitung unvollständig ist. Dann helfen Tresorübung, sicherer Ort oder Lichtstromübung. Die Klientin erfährt, dass die Verarbeitung weitergehen kann, und führt bei Bedarf ein kurzes Tagebuch.

Zeitmanagement: Plane für den Abschluss mindestens 10 bis 15 Minuten ein. Eine Verarbeitungssitzung sollte nie mitten in hoher Belastung enden, nur weil die Stunde vorbei ist.

Lektion 8: Überprüfung und dreigliedriges Vorgehen

In der Folgesitzung (Phase 8) wird zuerst geprüft, wie belastend die bearbeitete Erinnerung jetzt ist und was seither aufgetaucht ist. Danach geht es weiter nach dem Prinzip Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: erst die belastenden Erinnerungen, dann aktuelle Auslöser, zuletzt eine Zukunftsprojektion, in der sich die Klientin vorstellt, eine bisher gefürchtete Situation gut zu bewältigen. Alle Phasen im Detail: Die 8 Phasen der EMDR-Therapie.

Lektion 9: Dokumentation

Eine gute Dokumentation macht den Verlauf sichtbar und ist berufsrechtlich ohnehin erforderlich. Festgehalten werden sollten mindestens:

  • Datum, Sitzungsdauer, bearbeitete Zielerinnerung
  • Bild, negative und positive Kognition, Gefühl, Körperort
  • SUD und VOC zu Beginn und am Ende
  • Art der Stimulation und Besonderheiten (z. B. Blockaden, Einwebungen, Dissoziation)
  • Abschluss: vollständig oder unvollständig, eingesetzte Stabilisierung
  • Rückmeldung aus der Überprüfung in der Folgesitzung

Ob auf Papier oder digital: Gesundheitsdaten sind besonders schutzbedürftig. Bei digitalen Lösungen auf DSGVO, Verschlüsselung und einen Auftragsverarbeitungsvertrag achten.

Die 7 häufigsten Fehler von EMDR-Einsteigerinnen

  1. Zu früh verarbeiten: ohne ausreichende Diagnostik und Stabilisierung.
  2. Zu viel reden: zwischen den Sets nachfragen, deuten oder trösten statt den Prozess laufen zu lassen.
  3. Zu kurze oder zu langsame Sets in der Verarbeitungsphase.
  4. Unklare Kognitionen: Situationsbeschreibungen statt Überzeugungen über sich selbst.
  5. Dissoziation übersehen: Abwesenheit wird als „ruhige Verarbeitung“ missverstanden.
  6. Kein stabiler Abschluss: Sitzungen enden in hoher Belastung.
  7. Ohne Supervision arbeiten: Gerade die ersten Fälle sollten regelmäßig besprochen werden.

Lektion 10: Wie du EMDR richtig lernst

Dieser Guide vermittelt das Grundverständnis. Die eigentliche Kompetenz entsteht erst durch eine strukturierte Ausbildung. Darauf solltest du bei der Wahl einer EMDR-Akademie bzw. eines Ausbildungsinstituts achten:

  • Zugangsvoraussetzungen: Seriöse Ausbildungen richten sich an approbierte Psychotherapeutinnen, Ärztinnen mit psychotherapeutischer Qualifikation sowie Fachleute in entsprechender Weiterbildung.
  • Anerkennung: Prüfe, ob die Ausbildung von einer EMDR-Fachgesellschaft (z. B. EMDRIA Deutschland oder EMDR Europe) anerkannt ist und ob sie die Voraussetzungen für die Abrechnung von EMDR mit der gesetzlichen Krankenversicherung erfüllt.
  • Aufbau: mehrere Seminarblöcke mit Theorie, Live-Demonstrationen und Kleingruppenübungen, in denen man selbst in der Rolle der Therapeutin und der Klientin übt.
  • Supervision: Besprechung eigener Behandlungsfälle bei erfahrenen Supervisorinnen ist zentraler Bestandteil.
  • Vertiefung: Aufbaukurse etwa zu Kindern und Jugendlichen, komplexen Traumafolgen, Dissoziation oder speziellen Protokollen.
  • Fortbildungspunkte: Viele Kurse sind von Kammern akkreditiert, etwa über die Fortbildungsakademien der Ärzte- und Psychotherapeutenkammern.

Ergänzend lohnt sich das Standardwerk von Francine Shapiro sowie der Austausch in Intervisionsgruppen.

Fazit

EMDR wirkt auf den ersten Blick einfach – ein paar Augenbewegungen, und die Erinnerung verliert ihren Schrecken. In der Praxis steckt dahinter ein sorgfältig strukturierter Prozess: gründliche Fallkonzeption, solide Stabilisierung, präzise Erfassung der Zielerinnerung, eine zurückhaltende Begleitung während der Verarbeitung und ein sicherer Abschluss. Wer diese Grundlagen versteht, ist gut vorbereitet für eine fundierte EMDR-Ausbildung – und kann die Methode später sicher und wirksam einsetzen.

Häufige Fragen

Was ist eine EMDR-Akademie?

Als EMDR-Akademie bezeichnen sich Ausbildungs- und Fortbildungsangebote, die die EMDR-Methode an Fachleute vermitteln. Dieser Artikel ist ein frei zugänglicher Praxis-Guide und ersetzt keine anerkannte EMDR-Ausbildung mit Supervision.

Wer darf EMDR lernen und anwenden?

Anerkannte Ausbildungen richten sich in der Regel an approbierte Psychotherapeutinnen, Ärztinnen mit psychotherapeutischer Qualifikation und Fachleute in entsprechender Weiterbildung. Für die Anwendung bei Patientinnen ist eine heilkundliche Erlaubnis nötig.

Welche Hilfsmittel braucht man für EMDR?

Für den Anfang reicht die eigene Hand für geführte Augenbewegungen. Ergänzend nutzen viele Praxen Lichtleisten, Tapper, Kopfhörer oder EMDR-Software sowie Protokollbögen für SUD- und VOC-Werte.

Wie lange dauert ein Set bilateraler Stimulation?

In der Verarbeitungsphase meist etwa 20 bis 40 Sekunden. Bei Ressourcenarbeit werden kürzere, langsamere Sets eingesetzt.

Kann ich EMDR mit diesem Guide selbst anwenden?

Nein. Der Guide dient dem Verständnis. Die Bearbeitung traumatischer Erinnerungen gehört in die Hände ausgebildeter Fachleute, und zur Selbstbehandlung ist EMDR nicht geeignet.

Weiterführende Links

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Shapiro, F. (2018): Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy. Basic Principles, Protocols, and Procedures. 3rd ed. New York: Guilford Press
  2. World Health Organization (2013): Guidelines for the management of conditions specifically related to stress
  3. AWMF: S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (Registernummer 155-001)

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